HEILIGABEND @ GARDEN MÜNCHEN
FR 26.12. @ ORANGE AUGSBURG
HOUSEMEISTER (AYCB/ BOYSNOIZE)
"ICH PLANE NICHTS. SCHON GAR NICHT MEINE KARRIERE!"
Berlin, ein Wochenende im November. Die Party-Touris tummeln sich in Berghain/ Tresor/ Maria. Sonst keine Spur vom Hauptstadt-Hype: Ein paar Gäste in der Möbelfabrik und Weberei, ein paar mehr in Kunstfabrik und Hangar. Richtig voll im Rechenzentrum, eine Benefizparty. Spenden für Indianervölker statt fette Kohle machen, sowas gibts nur in Berlin.
Die Stadt ist eine Spielwiese für kreative Ideen und für einen der führenden Berliner Köpfe in der Elektroszene: HOUSEMEISTER.
HOUSIE nennen ihn seine Freunde; er ist die zweite große Nummer bei BOYSNOIZE. Das führt zu Verwechslungen. Denn BOYSNOIZE ist nicht nur das Plattenlabel, sondern auch der DJ-Name von seinem Homie Alex Ridha. Jener, der sich in der letzten FRESH-Ausgabe beklagte, viele Leute schlössen aus dem Namen "Boysnoize" auf ein Projekt aus zwei Künstlern.
In seiner gemütlich verkitschten Berliner Altbauwohnung unterhielten wir uns mit dem Meister der Synths & Beats über dies und viel anderes.
Ab 1999 erschienen deine ersten Platten bei ELLEN ALIENS BPitch-Label. Bist du dort endgültig raus?
Auf jeden Fall. Anfangs war BPitch offener, inzwischen sind sie stark im Minimal festgefahren. Da fühlte ich mich unterdrückt. Von 16 Tracks hatte Ellen zuletzt nur einen genommen. Als Boysnoize wegen einem Track fragte, gab ich ihm die übrigen 15 und er war begeistert: 'Hey Alter, das ist doch ein Album!" Das wurde es dann auch: 'Enlarge your Dose!'
Und zwar auf seinem Label Boysnoize. Es gibt auch eine gemeinsame EP, die "Psychodelic Disco". Privat seid ihr beste Freunde. Kannst du dir vorstellen, daß man dich für einen Teil von BoysNoize hält?
Ja, aber wer sich für unsere Musik interessiert, weiß es besser. Sich selbst so zu nennen wie das Label finde ich jedenfalls clever. Erst stiftet es ein bißchen Verwirrung, dann reden alle darüber. Als Künstler sind wir aber absolut auf Augenhöhe.
Dein aktuelles Album "Who's that Noize" erschien auf deinem eigenen Label, ALL YOU CAN BEAT. Ein schöner Luxus, zwischen zwei angesagten Labels switchen zu können!
AYCB ist eine Folge meines Absprungs bei BPitch. Ich wollte einfach niemanden mehr fragen müssen. 'Who's that Noize' hätte auch Alex gern für Boysnoize gehabt, aber es war mir wichtig, AYCB damit zu stärken.
"Who's that Noize" ist ganz schön retrolastig, zwischen 80er-Synths und dem frühen 90er-Rave. Ist das allgemein dein Sound?
Ja, Synthesizer-Musik aus allen Zeiten ist mein wahres Blut! Ich mag Elektro, ich mag schöne Melodien, eine Mischung aus rabiat und Melodie - so wie ich auch auflege!
Stimmt das? Deine Sets sind doch einigermaßen rabiater!
Momentan. Aber das ist ja nicht mein letztes Album - wer weiß, wie das nächste wird?
Die Retro-Einflüsse, die deine Musik so prägen, woher kommen sie?
Ich begann so 1985, vom Westradio Songs mitzuschneiden. Vor allem Oldschool HipHop: Run DMC, 2LiveCrew, Beastie Boys. Mit zwölf kam ich auf die ersten Technopartys im BBC-Jugendclub, mit 16 zog ich fünf Jahre in eine WG mit den Jungs, die inzwischen als MODESELEKTOR bekannt sind.
...und die später ebenfalls zu BPitch fanden - Berlin ist klein! Sehr viel hast du mit Paul Kalkbrenner gemeinsam: Gleich alt, beide zu DDR-Zeiten nach Berlin-Friedrichshain gezogen, beide mit 14 im BBC weggegangen, beide 1999 bei BPitch gelandet. Schauspieler wie er wirst du nicht?
Nein, das ist nicht meins. Paula ist ein super Kumpel, ich habe ihn kurz nach der BBC-Zeit kennengelernt und bewundere ihn für seine Leistung. BERLIN CALLING ist ein geiler Film, und er hat am besten von allen gespielt, ohne Schauspieler zu sein. Er konnte sich selbst spielen, das war sein Bonus, und er hat es super gemacht.
Du machst seit bald 10 Jahren gute Musik bei guten Labels, bist überall erfolgreich, dein letztes Interview war vor ein paar Tagen im portugiesischen Fernsehen, aber in Bayern warst du 2007 zum allerersten Mal. Warum so sparsam mit dem Süden?
Stimmt. Jahrelang war ich unterwegs in Spanien, Moskau, Tokio, überall, aber so gut wie nie in West-Deutschland. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, das war einfach so. Aber jetzt bin ich ja da. Sogar an Weihnachten!
Viele DJs lassen ihre Platten inzwischen zuhause, um beim Einchecken Zeit zu sparen. Du bleibst beim Vinyl, obwohl du wirklich kein Wochenende ohne Flughafen hast. Warum?
Ich mag weder das Durchblättern der CDs noch gebückt kleine Schriften am Bildschirm durchlesen. Es gibt Leute, die dann sogar nur mp3 spielen, was mal gar nicht geht - die armen Gäste! Sowas ist das Aussterben der DJ-Kultur. CDs verwende ich für manche Mixtechniken, da bieten sie geile Möglichkeiten. Aber nicht für ganze Sets!
Du machst die Grafiken für alle Releases auf AYCB selbst, auch die mit den Wackelköpfen auf deiner myspace-Seite. Das ist so lustig wie trashig. Haben sie auch einen Sinn?
Den soll sich jeder selbst suchen. Ich will nicht auf große Kunst machen und bin auch keiner, der groß nachdenkt. Grafik ist eine Beschäftigungstherapie, wenn ich keine Lust auf Studio habe. Das ist Entspannung. Ich spiele, einfach so aus dem Bauch heraus.
"Du bist so wunderbar Berlin"... Wie fühlt man sich als Hauptstädter?
Berlin ist cool. Vielleicht ziehen deshalb so viele hierher. Ich geh vor die Tür, da gibts gleich Frühstück, dort gibts Pasta, alles für nen schmalen Taler, du kannst nachts durch die Straßen laufen, es ist sicher, dir passiert nichts, tausende Cafés, tausende Bars...
... und kein Wort über Clubs?
Ich gehe kaum feiern. Immer, wenn hier in Berlin irgendwas tolles ist, bin ich unterwegs - bei zwei oder drei Bookings wöchentlich ist das schwierig. Dafür gehe ich gern auf Konzerte, gestern zum Beispiel im Admiralspalast zu BONAPARTE. War sehr geil!
Als wir nach zwei Stunden wieder Berliner Asphalt unter den Füßen haben, sind wir um viele Informationen reicher. Und um viele Stamperl Jägermeister. Wir freuen uns auf HOUSEMEISTER an Heiligabend im GardenClub!